Der Steinbock – König der Alpen

1. August 2015 Michaela Zimmermann

Es war ein Tag mit mäßig schönem Bergwetter, was bedeutete, dass die Wolken tief hingen, es aber gerade nicht regnete. Unser Blick war die meiste Zeit auf den Boden gerichtet, weil ständig Alpensalamander unseren Weg kreuzten, die das feuchte Wetter für einen Ausflug nutzten, und auf die wir nicht drauf treten wollten. So wäre ich vielleicht an ihm vorbeigelaufen, wenn Peter nicht plötzlich aufgeschaut und gerufen hätte: „Micha, ein Steinbock!“

Da stand er, gerade mal zehn Meter von mir entfernt: ein stolzer fünf oder sechs Jahre  junger Bock, der uns furchtlos und fast etwas neugierig entgegen blicke. Vorsichtig und ruhig näherte ich mich ihm mit meiner kiloschweren Spiegelreflexkamera, die ich auf dieser Tour eigentlich gar nicht hatte mitnehmen wollen. Um ihn nicht zu verschrecken, stellte ich mich hinter eine große Latsche. So konnte ich ihn in aller Ruhe beobachten.

Der Steinbock, der heute eigentlich keine Feinde mehr hat, da er in den meisten Alpenländern nicht geschossen werden darf, entspannte sich und begann in aller Ruhe zu grasen. Dabei entstand eines meiner schönsten Fotos in den Bergen: das Bild eines freundlich blickenden Steinbocks mit einer aus seinem Maul heraushängenden Blume.

Dank intensiver Schutzmaßnahmen gibt es heute noch Steinböcke

Dass es heute wieder mehr Steinböcke gibt, haben wir einer Schutzmaßnahme des jagdbegeisterten, italienische Königs Vittorio Emanuele II. Mitte des 19. Jahrhunderts zu verdanken. Einer Initiative eines seiner Förster und eines Naturkundlers folgend, stellte er die letzten 50 bis 100 Alpensteinböcke, die sich auf ein kleines Gebiet im Aosta-Tal zurückgezogen hatten, unter Schutz.

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Das letzte Steinbock-Rudel hatte sich bis ins Aosta-Tal zurückgezogen

Der Schutz war so umfassend, dass die Gesuche der benachbarten Schweizer, die in Graubünden gerne wieder Steinböcke angesiedelt hätten, von Vittorio Emanuele II. abgelehnt wurden. Die Schweizer ließen sich aber von ihrem Plan in ihrer Heimat wieder Steinböcke heimisch werden zu lassen, nicht abbringen. Sie bestachen einen italienischen Wilderer, der drei Steinzicklein mit einigem logistischen Aufwand ins Wallis schmuggelte. Die drei Jungtiere waren noch von Muttermilch abhängig und so mussten auf dem über hundert Kilometer langen Weg Hausziegen für die Kleinen bereitstehen.

Mangelnde genetische Vielfalt ist heute des Steinbocks größter Feind

Die heutige Gesamtpopulation in den Alpen von ca. 40.000 Steinböcken stammt von den wenigen Tieren im Aosta Tal ab. Diese Inzucht bringt natürlich einige Gefahren mit sich. Während heute nicht mehr der Mensch der größte Feind des Königs der Alpen ist, so sind es Krankheiten, die sich wegen der mangelnden genetischen Vielfalt leichter ausbreiten können. Hinzu kommt, dass Steinböcke standorttreu sind und mit der zunehmenden Besiedelung der Alpen und einem hohen Verkehrsaufkommen nicht mehr ohne weiteres über Alpentäler hinweg wechseln können.

Der Steinbock als wandelnde Apotheke in der Volksmedizin

Dass es überhaupt so weit kam, dass der Alpensteinbock fast ausgerottet wurde, lag daran, dass im 17. Jahrhundert so ziemlich alles vom Steinbock eine Verwendung in der Volksmedizin fand. Das reichte von der Steinbock Losung, die als Mittel gegen Ischias und Gelenkentzündungen eingesetzt wurde, über Haare, Blut, Fleisch und Horn bis hin zu den geheimnisvollen Bezoarkugeln oder auch dem verknöcherten Herzkreuzchen, denen die Menschen eine wundertätige Wirkung nachsagten. In Zedlers großem vollständigen Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste von 1736 kann man nachlesen, wie genau welcher Bestandteil des Steinbocks bei Vergiftungen, Entzündungen, Gallenbeschwerden, Epilepsie und vielem mehr angewendet wurde.

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Ein Auszug aus Zedlers Lexikon, Bd. 39 von 1744 (www.zedler-lexikon.de)

Die Erklärung für die volksmedizinische Wirkung sahen die Menschen damals darin, dass der Steinbock trittsicher auf die höchsten Gipfel aufsteigt, sich in schwierigstem Terrain wohlfühlt und immer nur frische Kräuter frisst. Allerdings ist im Zedler auch zu lesen, wozu der Steinbock seine Hörner tatsächlich einsetzt: „Mit diesen Hörnern schwenkt er [der Steinbock] sich von einem Felsen zum anderen, und wenn er sich von einer Höhe herab stürzet, weiß er die Hörner so artig vorzukehren, dass er am Leibe von dem Falle nicht beschädigt wird.“

Weiche Sohlen in einer harten Schale verleihen Trittsicherheit

Tatsächlich ist Absturz neben Lawinen heute die häufigste Todesursache für ein erwachsenes Tier, wenn es nicht an Altersschwäche verendet. Jungtiere müssen sich jedoch vor dem Adler in Acht nehmen. Droht dem Rudel Gefahr, flieht es von den nahrungsspendenden Grasheiden meist hangaufwärts in unzugänglichen Fels, wo die Tiere in Steillagen bis zu 50 Grad aufsteigen.

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Trittsicher bis in Steillagen von 50 Grad

Ihre Trittsicherheit verdankt das Steinwild dem besonderen Aufbau seiner Hufe, die aus äußeren harten Schalen und innen liegenden weichen Polstern bestehen. Mit ihnen finden die Hufe idealen Halt auf felsigem Untergrund.

Als reine Vegetarier, die sich nur von Kräutern, Knospen, jungen Nadelholztrieben und Flechten ernähren, brauchen sie einen Magen, der den Pflanzen auch wirklich alle Nährstoffe entzieht, kombiniert mit einem sehr sparsamen Energiehaushalt. Der trockene Rest, der nach der Verdauung wieder ausgeschieden wird, besteht nur noch aus unverwertbarem Ballaststoff und hat bei Ischias und Gelenkentzündungen sicherlich keine Heilwirkung mehr.

Die sparsamen Bewegungen des Steinbocks sind keine Trägheit oder Zahmheit, sondern einfach eine Frage des Energieaufwands als eine wichtige Überlebensstrategie in den Bergen. Wer einem Rudel Steinböcke begegnet, tut also gut daran, das Rudel nicht zu verschrecken, und damit einen unnötigen Energieverbrauch zu verursachen. Im Zweifelsfall zögert der ranghöchste Bock im Rudel auch nicht anzugreifen.

Ein Symbol der Ruhe in einer hektischen Zeit

Wir haben den Steinbock als Logo für unsere Bergschule gewählt, weil er mit seinen gewaltigen Hörnern einen weithin bekannten Bewohner der Alpen symbolisiert und mit seiner ruhigen Anmut die Ruhe ausstrahlt, die wir unseren Gästen in einer leistungsgetriebenen Gesellschaft während einer Wanderung in den Bergen wiedergeben möchten.

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Der Steinbock strahlt Ruhe und Gelassenheit aus