Südtirol – im Meer entstanden

8. März 2015 Michaela Zimmermann

Die Sonne brennt vom Himmel, und vor uns reiht sich Korallenblock an Korallenblock. Dort drüben sind deutlich Muscheln zu erkennen. Das Meer hat sich weit zurück gezogen. Um genau zu sein: 130 Kilometer weit zum Golf von Venedig. Eine besonders starke Ebbe? Nein, der Schlern liegt heute mit dem Monte Petz als seiner höchsten Erhebung einfach 2563 Meter über dem Meeresspiegel und es ist schon ein paar Millionen Jahre her, dass das Schlernplateau von Wellen umspült wurde. Aber die Korallenblöcke sind bis heute gut zu erkennen und auch die versteinerten Muscheln setzen sich von dem sie umgebenden Dolomitgestein deutlich ab.

Artikelbild versteinerte Muscheln auf dem Schlern

240 Millionen Jahre alte Muscheln

Noch heute wachsen unsere Alpen in die Höhe

Entstanden sind die Alpen durch Auffaltung von Gesteinsmassen vor etwa 135 Millionen Jahren während des Übergangs vom Jura zur Kreidezeit. Der eigentliche Prozess nahm jedoch schon 100 Millionen Jahre früher seinen Anfang, als der letzte globale Superkontinent Pangaea langsam in die heutigen Kontinente zerbrach und die Afrikanische Platte und die Eurasiatische Platte anfingen, sich gegeneinander zu verschieben. Ein Prozess, der bis heute anhält und bei dem sich beide Kontinentalplatten mit etwa fünf Zentimeter pro Jahr aufeinander zu bewegen. Unsere Alpen wachsen dabei allerdings nur knapp einen Millimeter pro Jahr in die Höhe.

Dinosaurier, Baumfarne und ein subtropisches Meer wo heute der Schlern emporragt

Artikelbild Schlernboden

Blick über den Schlernboden zum Monte Petz

Zur Zeit von Pangaea war das Klima auf der Erde deutlich wärmer als heute, und die Polkappen waren eisfrei. Das hatte zur Folge, dass auch der Meeresspiegel höher lag. Zu dieser Zeit trampelten die Dinosaurier über den Superkontinent, und Farne beherrschten das Pflanzenreich. Ein subtropisches Meer, in dem sich unzählige Arten tummelten, überspülte die Stelle, an der heute der Schlern und der an ihn anschließenden Rosengarten emporragen. Die warmen Temperaturen führten zu einer hohen Verdunstungsrate, und es lagerten sich Sedimente ab, die bis heute im Schlerngebiet gut an der klaren Schichtung erkennbar sind. Diesen Schichten schlossen zahlreiche Schnecken und Muscheln ein und werden nach der Bellerophonschnecke als Bellerophonschichten bezeichnet.

Die Dolomiten nehmen langsam Gestalt an

Aber das Meer zog sich wieder zurück und das gesamte heutige Dolomitengebiet hob sich unterschiedlich stark an. So kommt es, dass einige Gebirgsstöcke deutlich höher liegen als andere in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft.

Artikelbild Sedimentgestein am Schlern

Sedimentgestein am Geologensteig auf dem Weg zur Seiser Alm

Die Gebirgspartien, die sich aus dem Meer erhoben, wurden von Wind und Regen neu geformt. Manchmal brachen ganze Partien ab, die auf den Meeresboden sanken.

Aus Korallen entstehen Berge

Die klimatischen Bedingungen im Meerwasser ermöglichten es den Schlernkorallen bis zu der gigantischen Höhe von 1000 Metern empor zu wachsen. Sie bilden als weißer Schlerndolomit heute den größten Teil des sichtbaren Schlernmassivs. Aber auch die Gipfel des Rosengartens, des Lang- und des Plattkofels bestehen aus Schlerndolomit. Im Laufe der Zeit vollzog sich im Kalkgestein des Korallenriffs ein wichtiger Umwandlungsprozess, die sogenannte Dolomitisierung. Aus Kalkgestein wurde Dolomit, der sehr viel härter und spröder ist als Kalk. Infolge dieses Prozesses unterscheiden sich die Dolomiten deutlich von den Nördlichen Kalkalpen, wie beispielsweise dem Zugspitzmassiv.

Artikelbild der weiße Fels des Schlerndolomit

Weiß hebt sich der Schlerndolomit vom blauen Himmel ab

Vulkane setzen Akzente im Dolomitgestein

Es folgte eine Zeit starker vulkanischer Aktivität mit explosionsartigen Ausbrüchen, die stellenweise unter dem Meeresspiegel stattfanden. Weil sich das Magma beim Austreten stark abkühlte und zusammenzog, entstand sogenannte Kissenlava, wie die Hexenbänke auf dem Puflatsch (Seiser Alm), sowie fünf- oder sechskantige Basaltsäulen, beispielsweise am Geologensteig. Auch die Rosszähne am Übergang von Schlern zum Rosengarten sind vulkanischen Ursprungs.

Erneutes Korallenwachstum gab den Dolomiten ihren letzten Schliff

Wer zum Schlern wandert und den Schlernboden erreicht, kann deutlich die dunkelroten mit Gras bewachsenen Erdschichten und den weiß-leuchtenden Hauptdolomit von einander unterscheiden. Die dunklen Erdschichten entstanden durch Materialablagerungen von Flüssen und Bächen, die den Schlernboden durchzogen.

Artikelbild Basaltsäulen am Geologenstein Schlern

Basaltsäulen so dick wie Baumstämme

Der weiße Hauptdolomit ist das Ergebnis eines erneuten starken Korallenwachstums in diesem Gebiet vor etwa 240 Millionen Jahren. Jedoch ist auf dem Schlern nur noch wenig Hauptdolomit erhalten. Lediglich Monte Petz und sein kleinerer Bruder Burgstall bestehen aus diesem Gestein. In anderen Gegenden, wie dem Sella-Stock oder den Drei Zinnen hat der Hauptdolomit eine Mächtigkeit von bis zu 1000 Metern erreicht.

Seine markante Form macht den Schlern zum Wahrzeichen Südtirols

Überschreitet man den Schlernboden von den Schlernhäusern zum Tierser Alpl, so wandert man über 240 Millionen Jahre alte Korallenblöcke, deren Kalksäulen, kleine Löcher, auf denen die Korallentierchen saßen, noch immer deutlich zu erkennen sind. Etwa zu diesem Zeitpunkt zerbrach Pangaea, die Alpen wurden deutlich in die Höhe gehoben und das Meer zog sich zurück. Doch Wind und Regen nagen seither am Fels des Schlern und geben ihm seine markante Form, die ihn zum Wahrzeichen Südtirols macht.

Artikelbild Korallenblöcke Schlern

240 Millionen Jahre alte Korallen auf dem Schlernboden

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Artikelbild Hauptdolomit Monte Petz Schlern

Hauptdolomit bildet den Monte Petz, die höchste Erhebung auf dem Schlern